Kin Hatake #011 – Rotes Chakra

Während seiner Ninjalaufbahn war Kakashi schon oft verletzt worden. Seine Krankenakte las sich wie ein Lebenslauf. Sie verzeichnete mehrere Knochenbrüche und dutzende Prellungen. Ein verlorenes Auge sowie die Feldtransplantation eines Ersatzauges. Mit Feldtransplantation war gemeint, dass es während der Mission, mitten in der Pampa von einem Medi-nin durchgeführt wurde, der nicht das nötige Equipment bei sich hatte. Demzufolge ist diese Aufzeichnung in der Akte auch als höchst bedenklich und risikoreich dokumentiert, doch letztlich lief ja alles gut.
Ein anderes Mal wurde Kakashi fast von einer gebrochenen Rippe ins Jenseits befördert. Letzteres war seine bislang schlimmste Verletzung. Doch nichts von alle dem war vergleichbar mit seiner neusten Errungenschaft.
Sein rechtes Handgelenk sowie ein Teil der Hand und der gesamte Unterarm waren mit einem weißen Verband umwickelt. Was genau sich darunter verbarg, wusste er nicht. Als er aufwachte, war er zu benebelt, um es sich zu merken. Kurz darauf hatte Tsunade auch schon den Verband angelegt und ihm so jede Möglichkeit genommen, es näher zu betragen.
Kakashi spürte, dass sich darunter etwas Neues verbarg. Es war nicht so, wie er es von seinen bisherigen Verletzungen gewöhnt war. Die damit verbundenen Schmerzen waren deutlich spürbar, verhielten sich jedoch anders, ungewöhnlich. Es war vergleichbar mit Zahnschmerzen, die sich irgendwann im Rausch des Schmerzmittels verflüchtigten, sich jedoch darüber hinaus noch in Form eines unangenehmen Pochens bemerkbar machten.
Kakashi war sich nicht sicher, ob auch hier wieder die Schmerzmittel diesen Effekt erzielten. Er hatte nicht mitbekommen, was Tsunade mit ihm machte und ob sie ihm etwas gegen die Schmerzen verabreicht hatte. Vielleicht lag es auch an der Verletzung selbst, dass sich kaum Schmerzen zeigten. Was er jedoch mehr als deutlich bemerkte, war der Juckreiz. Es war unerträglich und raubte ihm fast den Verstand. Bisher hatte er der Versuchung widerstehen können, sich zu kratzen, doch er wusste nicht, wie lang er noch dazu fähig war.

Seufzend sah er aus dem Fenster und versuchte sich auf andere Gedanken zu bringen. In seiner kleinen Wohnung brannte kein Licht, weil niemand wissen sollte, dass er zuhause war. Ein Siegel an der Tür verhinderte zudem, dass Geräusche nach außen drangen. Die Anwesenheit seiner Gäste musste verborgen bleiben, soviel hatte Kakashi verstanden.
Draußen lag alles im Halbdunklen. Die Sonne war bereits hinter dem Horizont verschwunden. Die nächtliche Schwärze hatte sich aber noch nicht völlig entwickelt. Die Straße und der Hauseingang wurden von einer Straßenlaterne beleuchtet. Ob jetzt oder später, wenn es vollends finster war, er würde es erkennen, wenn die anderen Bewohner des Hauses von der Versammlung zurückkehrten.
Die Meisten seiner Mitbewohner waren Ninja auf dem Chunin Rang oder höher, die keine Familie hatten oder nicht mehr Zuhaus leben wollten. Für einige Wenige war das Ninjawohnheim eine Übergangslösung. Zivilisten gab es bei ihnen keine. Selbst der Hausmeister war ein alter Shinobi, der sich im Ruhestand noch etwas dazu verdiente.
»Worüber denkst du nach«, wollte hinter ihm der Fuchsdämon wissen. Er lag auf Kakashis Bett, zusammen mit dem kleinen Jungen, der mal Naruto war.
»Nichts«, versuchte Kakashi ihn abzuwimmeln. Ihm war nicht nach Reden zumute. Offenbar akzeptierte der Kyuubi es, denn er fragte nicht weiter.
Es war seltsam den Tierdämon im Haus zu haben. An seine Hunde war Kakashi von klein auf gewöhnt. Es war ganz natürlich für ihn, das sie in seiner Wohnung rumliefen. Mit dem Fuchs teilte er dieses Band nicht und dennoch empfand er dessen Anwesenheit als angenehm. Dabei hatte er lange einen tiefen Groll gegen den Dämon gehegt, der nicht nur für den Tod von Narutos Eltern verantwortlich war, sondern auch für Narutos schlechte Kindheit. Niemand in Konoha hätte dem Kind etwas getan, wenn der Fuchs nicht in ihm versiegelt gewesen wäre.
»Nicht Kratzen!«, blaffte gleicher Fuchs ihn an und jagte Kakashi damit einen gehörigen Schrecken ein. Er brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass er bereits einen Finger unter dem Verband hatte.
»Dieser Juckreiz macht mich wahnsinnig!«, entfuhr es Kakashi etwas lauter, als beabsichtigt. Kurz jaulte Naruto erschrocken auf. Schuldbewusst wand sich Kakashi zum Bett und beobachtete den Knirps dabei, wie er mit den Händen nach etwas suchte, bis er einen von Kuramas Schweifen zufassen bekam und diesen fest an sich drückte. Dann schien er wieder zu schlafen.
»Schwein gehabt«, kam es darauf von dem Fuchs. Auch er hatte Naruto beobachtet und offenbar ebenso gehofft, dass er weiterschläft.
»Du solltest wirklich nicht kratzen« wand er sich darauf wieder an Kakashi. »Ich hab keine Ahnung, was mein Chakra letztlich bei dir ausgelöst hat, oder es noch auslösen wird. Eine Infektion solltest du besser nicht riskieren.«
Brummend zwang Kakashi sich, von seinem Verband abzulassen.
»Ich weiß Kyuubi … «, begann er, wurde jedoch energisch unterbrochen.
»Nenn mich nicht immer Kyuubi, ich heiße Kurama!«, blaffte dieser und funkelte ihn mit wütenden Augen an.
»Verzeihung, Kurama!«, klang es fast schon spottend aus Kakashis Mund. Er war in den letzten Stunden nicht zum ersten Mal verbessert worden und genervt davon, dass der Fuchs ihm diesen Fehler immer wieder vorhielt. Es war nicht einfach, sich umzugewöhnen. Jahrzehnte lang war der Dämon nur als Kyuubi bekannt und jetzt hatte er plötzlich einen Namen.
»Aber Juckpulver ist nichts im Vergleich hierzu«, beendet Kakashi schließlich seinen vorherigen Satz.
Der Fuchs schien davon sichtlich amüsiert »Hast es wohl schon ausprobiert«, vermutete er und traf damit genau ins Schwarze. Etwas an Kakashis Blick musste ihn verraten haben, denn Kurama verfiel darauf in einen Lachkrampf.
»Das ist nicht lustig!«, schmollte der Hatake und versuchte seinen animalischen Gast zu ignorieren, doch das klappte nicht. Mit seinem juckenden Handgelenk sah es genau so aus. Gleichermaßen könnte er versuchen, Rosen auf Granit zu züchten. In allen drei Fällen käme er auf das gleiche Ergebnis. Es war nicht möglich.
»Tsunade wird sicher bald kommen«, meldete sich Kurama wieder, nachdem der Lachkrampf beendet war.
»Oder sie hat diesem anderen Kerl etwas für dich mitgegeben«, fügte er noch hinzu und brummte darauf vor sich hin. Der Fuchs schien nicht sonderlich begeistert davon zu sein, dass jemand in die Sachlage eingeweiht war, den er nicht kannte.
»Er heißt Asuma«, kommentierte Kakashi.
»Mir egal, wie er heißt. Ich verstehe einfach nicht, warum noch wer eingeweiht werden musste. Der Alte hätte mich wenigst vorher fragen können«, gab der Fuchs gereizt zurück.
Kakashi vermutete ein hohes Maß an Misstrauen, dass Kurama für die Menschen aufbrachte. Verwunderlich war es nicht. Der Junge war sein Sohn und wurde über viele Jahre von den Menschen dieses Dorfes misshandelt. Es war daher die väterliche und führsorgliche Seite des Dämons, die nur das Beste für Naruto wollte.
»Asuma ist der Sohn vom Hokage und ein guter Freund von mir. Du kannst ihm vertrauen. Zudem kennt er sich besser mit kleinen Kindern aus, als wir beide zusammen«, erklärte er dem Dämonenvater. Ob es was brachte, würde sich zeigen.
Offenbar war der Kyuubi unentschlossen in seiner Meinung über Asuma und brummte vor sich hin.
Da Kurama sich nicht weiter äußern wollte, wandte Kakashi sich wieder dem Fenster zu. Es war noch etwas dunkler geworden. Zusehen war bisher noch niemand.

»Meister Hokage, wir können euch hier nicht mehr lange beschützen«, sprach der ANBU-Führer neben dem Sandaime. Es war mehr als deutlich, wie recht der Mann damit hatte.
Ein weiteres Mal ließ Hiruzen seinen Blick über den Dorfplatz schweifen. Derzeitiger Grund für die Randale war, dass er das Fest als Strafe abgesagt hatte.
Der gesamte Rat hatte dieser Entscheidung zugestimmt. Nun gut, es waren nicht alle. Danzo war bereits aus der Versammlung gestürmt, um seine Roots auszuschicken, damit sie Narutos Leiche suchen. Als wenn er sie jemals finden würde, aber das wusste der Rootcaptain zum Glück nicht. Bei dieser Entscheidung über das Ehrenfest des Yondaime war er somit nicht anwesend, was alles erleichterte.
Niemals hätte Hiruzen gedacht, dass die Absage dieses Festes für einen derartigen Tumult sogen würde. Dabei wussten sie noch nicht, wieso es abgesagt war. Geschweige den, dass es nicht nur in diesem Jahr ausfällt, sondern ab sofort für immer.
»Meister Hokage, wir sollten gehen«, schlug der ANBU-Führer vor.
»Nein, wir bleiben«, sprach das Dorfoberhaupt selbstsicher. Zwar war auch ihm die Situation nicht geheuer, doch er hatte beschlossen, in seinem Dorf wieder für Ordnung zu sorgen. Sich jetzt in die Sicherheit seines Hauses oder seines Büros zu flüchten, das kam für ihn nicht in Frage.
»Aber Meister Hokage. Wir können hier nicht für eure Sicherheit garantieren«, versuchte der ANBU ihn umzustimmen.
Auf der anderen Seite vom Hokage befand sich Shikaku Nara, dem die Situation gleichermaßen zu denken gab. Auf der einen Seite konnte er den Hokage und seine Gründe verstehen, die ihn zum Bleiben animierten. Doch auch der ANBU lag mit seiner Einschätzung richtig. Sie konnten ihn bald nicht mehr schützen. Worauf wartete der alte Mann? Oder wurde er langsam senil? Es muss ihm doch aufgefallen sein, das sich Konoha nicht mehr in den gewohnten Bahnen bewegte, wenn ihm der Grund dafür auch noch nicht klar war, aber er würde schon dahinter kommen.
»Meister Hokage. Warum bestehen sie darauf zu bleiben?«, fragte Shikaku sein Dorfoberhaupt.
»Weil Konoha jetzt keinen Anführer gebrauchen kann, der vor der Situation flieht«, antwortete der Sandaime. Er blieb ganz ruhig, auch wenn man ihm die Sorge über die Situation ansehen konnte. Etwas wunderte Shikaku jedoch, warum sah der Mann die ganze Zeit zu den Dächern rauf?
Dem Blick folgend, sah er zunächst nichts, was die Aufmerksamkeit des Hokage rechtfertigte. Eine kleine Explosion auf der rechten Seite, hinter einem der angrenzenden Wohnhäuser folgte. Etwas brannte und erhellte die andere Seite des Hauses, womit Personen auf dem Dach sichtbar wurden.
»Ist das nicht Tsunade auf dem Dach?«, fragte Shikaku an den Hokage gewandt.
»Ja, bei ihr ist auch Kurenai sowie einige ANBU«, antwortete das Dorfoberhaupt.
Die Gruppe auf dem Dach hatte sich bereits wieder in Bewegung gesetzt. Shikaku verfolgte ihre Schritte so gut er konnte, wurde jedoch nicht vollends schlau aus der Sache. Anscheinend jagten sie jemanden. Nur wen? Und warum?
Kurz sah er sich um.
»Hiashi, komm mal zu uns«, forderte er den Hyuuga auf, als seine Augen ihn ausmachen konnten. Vielleicht war mit dem Byakugan etwas mehr zu erkennen.
Der Blick des Hyuuga Oberhaupt zeigte deutlich, wie sehr ihm diese Aufforderung missfiel. Musste er sich doch durch die Reihen der anderen Clanoberhäupter quetschen, was sich für jemanden in seiner Position nicht ziemte. Dennoch kam er der Aufforderung nach.
»Was willst du, Nara?«, fragte er ganz direkt, als er neben ihm angekommen war.
»Dein Byakugan sieht mehr als unsere Augen. Kannst du uns sagen, wem die Gruppe auf den Dächern nachjagt?«, erklärte Shikaku auch sofort.
»Warum interessiert euch das? Ist der Tumult nicht wichtiger?«, fragte der Hyuuga beiläufig, aber er aktivierte sein Doujutsu dennoch und sah sich darauf völlig verwirrt um.
»Was ist?«, wurde er darauf von Shikaku gefragt. »Siehst du was?«
»Ja, rotes Chakra«, antwortete er darauf. Was hatte das alles nur zu bedeuten?
»Rotes Chakra?«, fragte diesmal der Hokage, der nah genug war, um selbst bei der Lautstärke des Tumults alles mithören zu können. »So wie beim Kyuubi?«
»So ähnlich. Das Chakra vom Kyuubi ist hell. Rot-Orange und an manchen Stellen auch etwas gelb. Wie Feuer. Dieses Chakra ist dunkelrot mit schwarzen Unterbrechungen«, erklärte der Hyuuga und sorgte für weitere verwirrte Gesichter unter den Clanoberhäuptern.
Als Nächstes analysierte Hiashi das Chakra und seine Herkunft. Was es für ein Wesen war, konnte er nicht sagen. Es hatte für ihn keine direkte Gestalt und war eher als eine Chakraansammlung zu erkennen. Von dieser Masse ausgehend zogen sich Fäden über den gesamten Platz und schienen mit fast allen Bewohnern und Shinobi verbunden zu sein. Die ANBU waren nicht betroffen, genauso wie der Rat, der Hokage und einige wenige, die sich offenbar dagegen wehren konnten. Und die Gruppe auf dem Dach war eindeutig auf der Jagd nach dem Zentrum dieses Chakras.
Alles berichtete er umgehend an den Rat.

Besorgt betrachtete Kakashi das helle Flackern über den Dächern. Irgendwo brannte es. Was war nur los? Kakashi erkannte Konoha schon lange nicht mehr als das, was es einst war, doch was dieses Dorf sich an diesem Tag alles leistete, schlug dem Fass den Boden aus.
»Kommt das Feuer von der Explosion?«, fragte hinter ihm Kurama.
»Gut möglich. Ich müsste aber raus, um es mit Sicherheit sagen zu können.« Genau das wollte Kakashi aber nicht. Er durfte es auch nicht. Es blieb ihm daher nichts anderes übrig als zu hoffen, dass es ihnen nicht zu nahe kam. Ansonsten müsste er sich mit Naruto ein Versteck suchen, da er den Plan des Hokage bisher nicht kannte.

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