Kin Hatake #004 – Die Ärztin

Datum: 10. Oktober – Morgens 10:55 Uhr

Zu wenig Schlaf und zu viel Kaffee. Das war das Ergebnis von Tsunades Vormittag. Sie war geschafft von den letzten Stunden, in denen sie fieberhaft an einem Medikament für ihren derzeitigen Problempatienten gearbeitet hatte. Eine Pause, das brauchte sie jetzt. Und eine große Portion Schlaf. Doch zunächst musste sie zu ihrem Patienten.Ihr neues Serum hatte sie bereits vorbereitet. Drei Spritzen lagen bereit, die sie im Abstand von je 6 Stunden verabreichen wollte. Wenn das Serum wie beabsichtigt wirkte, sollte es ausreichen. Unter dem Mikroskop hatte sie es anhand einer Blutprobe getestet und es schien den gewünschten Effekt zu erzielen. Trotzdem kann es immer zu ungeahnten Nebeneffekten kommen, die sich erst bei der direkten Behandlung ergeben.
Tsunade räumte noch die letzten Gerätschaften weg, ehe sie sich auf den Weg machen wollte, als eine junge Frau aus dem Nebenraum ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.
»Tsunade-sama?«, tönte es aus dem Lautsprecher der Gegensprechanlage neben der Tür. Anders war nicht zu kommunizieren, da die Frau auf der anderen Seite nicht über die Ausbildung verfügte, um den Laborraum betreten zu dürfen. Ihrer Arbeitsuniform nach war sie eine Krankenschwester aus der Notaufnahme.
Tsunade wunderte es, da sie sonst nicht in der Notaufnahme tätig war. Es gab nur wenige Patienten, um die sie sich kümmerte. Für gewöhnlich diejenigen mit langwierigen Krankheiten, bei denen ihre Kollegen bereits jede Hoffnung aufgegeben hatte. Nicht jeden von ihnen konnte sie retten, doch in vielen Fällen hatte sie den Menschen bereits das Leben verlängert oder bis zum Ende angenehmer machen können.
Nachdem Tsunade das Mikroskop im entsprechenden Schrank abgestellt hatte, wandte sie sich zur Tür. Schnellen Schrittes durchquerte sie den Raum. Grundlos würde die Notaufnahme nicht nach ihr verlangen.
Bevor sie sich meldete, warf sie einen kurzen Blick auf das Namensschild der Krankenschwester, was links auf Brusthöhe an ihrem Gewand angebracht war. So konnte sie die Schwester direkt ansprechen: »Akane was führt dich zu mir?«
Erneut drang die Stimme der Frau aus dem Lautsprecher, als diese antwortete: »Verzeihen Sie Tsunade-sama. Ich weiß, Sie sind nicht für die Notaufnahme zuständig, doch der ANBU verlangte, dass Sie sich persönlich darum kümmern.«
Innerlich seufzt Tsunade auf. Wenn ein ANBU nach ihr verlangte, konnte es sich nur um einen schwerwiegenden Notfall handeln, der sie sicherlich mehrere Stunden beschäftigen würde. Das kleine Teufelchen neben ihrem Ohr wollte sie von der Erfüllung ihrer Pflicht abhalten. Sie war eh schon übermüdet und ihr anderer Patient wartete zudem auf sie. Doch er bettelte vergeblich um Aufmerksamkeit. Da konnte sie noch so Müde sein, sie ließ keinen Patienten im Stich.
»Verstehe«, meinte sie nach ihrem kurzen mentalen Zwiespalt und erkundigte sich darauf nach der Art des Notfalls.
»Uns wurde von einem schwerverletzten Kind berichtet. Der ANBU wird in Kürze mit dem Kind eintreffen. Vielleicht ist er sogar schon angekommen.« tönte es erneut aus der Gegensprechanlage. Die Frau auf der anderen Seite der Glasfront schien es eilig zu haben, zumindest nahm Tsunade das an, da sie unruhig vor ihr stand und ständig das Gewicht von dem einen auf das andere Bein verlagerte. In der Notaufnahme gab es sicher viel zu tun und die Schwester wollte schnell zurück an ihren Arbeitsplatz.
Um die junge Frau nicht länger warten zu lassen, zog Tsunade das Gespräch nicht unnötig in die Länge. »Ich mach mich gleich auf den Weg. Ich muss mich nur noch ordnungsgemäß umziehen.«
In ihrer Laborbekleidung konnte sie keinen Patienten behandeln, das war wohl auch Akane klar, denn sie nickte diese Aussage ab und meldete sich noch einmal kurz mit einem »Ich werde es ausrichten.«, ehe sie sich auf den Weg zurück zur Notaufnahme machte.
Einen Moment sah Tsunade ihr nach, darauf wandte ihr Kopf sich etwas nach links und suchte die Wand des anderen Raumes ab. Durch die Glasfront konnte sie alles dort genau erkennen und sie war sich sicher, dass es dort auch eine Uhr gab. Nur finden konnte sie ihr Zielobjekt zunächst nicht.
Fündig wurde sie schließlich auf der rechten Seite, wo sich das riesige zeitanzeigende Uhrgetriebe befand, welches man dekorativ vor einem Poster der menschlichen Entwicklung angebracht hatte. Auf 12 Uhr waren eine Eizelle und ein Spermium zu sehen, auf 3 Uhr ein Kind, auf 6 Uhr ein Erwachsener und auf 9 Uhr ein alter Mann mit Krückstock. Die Zeiger standen auf kurz nach 11 Uhr.
Seufzend legte sie den Kopf in den Nacken und schloss einen Moment die Augen. Sie war Müde. Kaum 2 Stunden hatte sie in der vergangenen Nacht geschlafen. Pünktlich um 7 Uhr hatte sie das Labor betrete und an dem Wirkstoff gearbeitet. Ohne eine Pause, aber es hatte sich gelohnt. Sie war schneller vorangekommen als erwartet. Und doch musste sie ihren Patienten nun warten lassen.
Bevor sie sich in die Schleuse begeben konnte, musste sie noch die Spritzen wegschließen. Sie kamen in Tsunades persönlichen Laborschrank, direkt neben die Ampulle mit der blau schimmernden Flüssigkeit, welche denselben Wirkstoff enthielt. Ein kontrollierender Blick wanderte darauf durch den Raum. Sie wollte sicher sein, dass sie auch nichts vergessen hatte. Die Vorschriften für die Laborarbeit waren sehr streng, da dürfte man sich keine Fehler erlauben. Die kleinste Abweichung könnte im schlimmsten Fall jemanden das Leben kosten. Doch der Raum war korrekt aufgeräumt. Alles war sauber und die Gerätschaften entweder entsorgt oder wieder an ihrem Platz.
Beruhigt begab sich Tsunade darauf zur Schleuse und ließ dort ihren Schutzanzug abspritzen. Anschließend zog sie ihn aus und hängte ihn zu den anderen. Ihr weißer Ärztekittel hin vor der Schleuse an einem Hacken. Sie schnappte ihn im Vorbeigehen und warf ihn sich unterwegs über, während sie sich auf dem Weg zur Notaufnahme machte.

Tsunade nahm die letzten Stufen hinab ins Erdgeschoss und öffnete darauf die Tür vom Treppenhaus zur Notaufnahme. Sofort konnte sie laute Stimmen hören. Ein Streit zwischen dem Leiter des Krankenhauses, dessen lauter und aggressiver Ton sie sofort überall wiedererkennen würde, und ein Mann, der ihr bekannt vorkam, den sie aber nicht sofort einordnen konnte.
Auf ihrer Suche nach dem ANBU und ihrem Patienten kam sie auch dem Streit immer näher. Im Eingangsbereich der Notaufnahme wurde sie kurz darauf doppelt fündig. Die zweite Stimme gehörte zu dem ANBU. An der Maske konnte sie erkennen, dass es sich um Kakashi handelte und im Arm trug er ein Kind.
Vor ihm stand Akamoto. Ein großgewachsener Mann mit dunkelbraunem Haar, das an den Seiten bereits stark ergraut war. Auf der Nase trug er eine dicke Hornbrille. Er war der Leiter des Krankenhauses.
»Raus mit dem Bengel!«, forderte er nicht zum ersten Mal und wies mit seinem linken Arm Richtung Ausgang. »Dämonen haben hier nichts zu suchen.«
»Naruto ist kein Dämon!«, fauchte neben dem ANBU ein junger braunhaariger Mann. Quer über seine Nase verlief eine lange Narbe.
»Beruhig dich Iruka.« versuchte Kakashi seinen Begleiter zu besänftigen.
Kurz darauf brachte Akamoto das Fass jedoch zum Überlaufen. »Raus mit der Teufelsbrut!«, schrie der Klinikchef. Seine Rage war nicht mehr nur sichtbar, sondern auch zu spüren. Obwohl der Mann keine Ninjaausbildung genossen hatte, war etwas an ihm, was sogar Kakashi und Iruka einen Schritt zurückweichen ließ. Es reichte jedoch nicht aus, um sie vollends weichen zu lassen.
Ein Blick in die Runde zeigte Tsunade, wie es allgemein um die Situation stand. Es gab eine Handvoll Ärzte und Schwestern, die in der Notaufnahme zusammengekommen waren. Dazu andere Patienten, die in der Nähe waren und die Szenerie beobachteten.
Einige von ihnen, speziell die Patienten, schienen Akamoto zuzustimmen und hätten den Jungen wohl auch am Liebsten sofort aus dem Krankenhaus geworfen. Doch sie waren nur Gast und in diesem Falle nicht zuständig.
Die anderen Ärzte schienen ihre Pflichten ernster zu nehmen. Gleiches galt auch für die Krankenschwestern. Sie hätten Naruto behandelt, doch hatten sie allesamt zu viel Angst vor ihrem Vorgesetzten, um sich dem verletzten Jungen anzunehmen.
Bisher hatte sich Tsunade alles mit angesehen. Aus der Ferne konnte sie den genauen Verletzungsgrad von Naruto jedoch nur schätzen – und es sah nicht gut aus. Es wurde Zeit, dass sie ein Machtwort sprach, um die Situation zu klären. Wenn sie nicht endlich vorankämen, würden sie den Jungen damit nur gefährden. Anders als die Zivilisten, die ihm den Tod wünschten, war Tsunade sich jedoch darüber bewusst, was Narutos Tod für einen negativen Nebeneffekt mit sich brachte. Die Freiheit des Kyuubi, der sich für seine Gefangenschaft sicherlich rächen würde.
Seufzend ging sie einige Schritte vor. Manchmal dachten die Menschen einfach nicht mit. Statt sich über die Konsequenzen ihrer Handlungen klar zu werden, verurteilten sie, ohne vorher einen Blick auf die andere Seite zu werfen.
Sie war noch auf dem Weg zu Akamoto und dem ANBU, als ihre Stimme bereits über die Lautstärke der Anderen hinweg ertönte. »Was soll denn der Lärm? Wir sind hier in einem Krankenhaus!«
Ein gehässiges Grinsen zeigte sich auf dem Gesicht des Klinikchefs, ehe er mit seinen Ausweisungsversuchen fortfuhr. »Wie Recht ihr doch habt Tsunade. Es ist ein Krankenhaus. Hier werden kranke Menschen behandelt und nicht sowas wie der da!«
»Tsunade hilf ihm, bitte! Lass du ihn nicht auch noch im Stich«, wandte sich der ANBU diesmal an die Ärztin, um deren Hilfe er von Anfang an gebeten hatte.
»Niemand hier wird diesem Dämon helfen.« kam Akamoto ihrer Antwort zuvor. Nicht ahnend, was er damit auslösen würde.
Es war ein harter Aufprall an der Wand, als er von Tsunades Faust getroffen dorthin geschleudert wurde. Für gewöhnlich ging sie nicht so weit, vor allem wenn sie sich bewusst war, dass ihr gegenüber keine Ninjaausbildung genossen hatte. Zivilisten verfügten nicht über die Veranlagungen, um ihren Schlag körperlich zu verarbeiten. Verletzungen blieben daher nicht aus.
In diesem Falle war es Tsunade jedoch egal. Er hatte es verdient und sie würde ihre Entscheidung jederzeit wiederholen und vor dem Hokage rechtfertigen. Mit wütendem Blick starrte sie Akamoto an »Wage es nie wieder jemandem die ärztliche Versorgung zu verwehren!« und wartete auf seine Reaktion.
Der Mann brauchte einen Moment, um das Geschehene zu verarbeiten. Sowohl von dem Schlag wie auch von dem Aufprall war er benommen, doch seine Reaktion sollte nicht lang auf sich warten lassen – und sie folgte lautstark wie immer. »DU WAGST ES?«
»Und wie ich es wage!«, blaffte Tsunade zurück. Ein wütendes Schnauben entfuhr ihr, bevor sie weiterredete. »Wir sind Ärzte, verdammt nochmal. Wir haben einen Schwur geleistet, der uns bindet. Jedes hilfsbedürftige Wesen ist zu versorgen, ganz egal, ob Mensch oder Tier oder Dämon. Und Letzteres ist hier NICHT anwesend!«
Darauf wandte sie sich an den ANBU »Komm mit!«, forderte sie ihn auf. Ganz gleich, was der Klinikchef noch sagen würde, sie würde dieses Kind behandeln – und sie war nicht die Einzige.

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